Dietmar Zöller

Auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens mit Autismus


Auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens mit Autismus

Gesprochene Texte, die meine Betreuerin Palma wörtlich mitschrieb

Freitag, 23.10.2020

Ich denke oft daran, dass mein Leben endlich ist und dass ich darum die Zeit nutzen sollte, die mir geschenkt wurde. In unserer Familie wird oft darüber gesprochen, dass meine Eltern alt sind und sterben werden. Ich werde sie nach menschlichem Ermessen überleben. Dass ich nicht alleine zurechtkommen kann, ist allen bekannt, die mit mir zu tun haben. Dennoch habe ich den Wunsch, in meiner Wohnung bleiben zu dürfen. Organisatorisch ist alles abgeklärt und vorbereitet. Das ist für mich eine Beruhigung. Ich habe sogar die Hoffnung, dass ich noch Fortschritte mache. Ich bin bemüht, so zu sprechen, dass mich außer Mutter und Palma, meine Betreuerin, auch andere Personen verstehen können. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, wie es geworden ist. Ich habe Zeiten erlebt, da fühlte ich mich von Gott verstoßen. Ich fragte mich zuweilen, warum er mich hatte überleben lassen. Das Wort Autismus war in unserer Familie ein Synonym für Ausgeschlossensein und Einsamkeit. Und doch hatten wir ein gastfreundliches Haus, in dem Gäste willkommen waren, darunter auch solche, die es nicht wagten, ihre autistischen Kinder in fremde Familien mitzunehmen. Ich konnte auf diese Weise viele autistische Kinder und ihre Eltern kennenlernen. Früh verspürte ich einen Drang, helfen zu wollen. Meine Mutter erlebte ich als Autistenversteherin. Nun ist meine Mutter 80 Jahre alt geworden und versprüht immer noch ihre Ideen und ihren Mut. Nur etwas langsamer wurde sie, was damit zu tun hat, dass sie fast blind ist. Ohne anzuecken räumt sie die Wohnung auf und kocht sie manches Gericht, auch wenn sie darauf angewiesen ist, dass ihr jemand die passenden Gewürze reicht. Manchmal meine ich, unterdrückte Tränen zu erkennen. Sie starrt dann auf den Computer, ohne etwas zu tun, weil sie keine Symbole mehr erkennt.

Ich habe das Bedürfnis, mein Leben noch mal zu sortieren. Ich habe das Gefühl, dass ich bis jetzt sehr bewusst gelebt habe, obwohl ich keine Kontakte haben konnte. Im Kopf war ich immer klar. Aber als Kind fühlte ich mich wie ein Ausgestoßener. Ich war oft mit mir allein und hatte das Gefühl, dass ich nicht dazu gehörte. Aber die Liebe meiner Mutter habe ich immer gespürt. Ich weiß, dass sie jede freie Minute mit mir etwas gemacht hat.

25.10.2020

Ich hoffe, dass mein Text die Leser anrührt. Meine Mutter hat mein Leben gerettet, ein gelungenes Lebenswerk. Es ist ein Wunder, dass ich so geworden bin, wie ich wurde. So dass mich sogar ein Außenstehender lieben kann. Ich will aber nicht meine Kindheit beklagen. Dass ich überlebte, war eine Gnade. Und dass ich so viel beim Reisen erlebte, war ein besonderes Geschenk. Ich habe so viel erlebt und gesehen, dass ich davon zehren kann.

26.10.2020

Ich habe das Gefühl, dass Mutter begeistert ist. Sie kann es nicht glauben, dass ich glücklich bin. Aber was ist Glück? Ich stehe zu mir, wie ich bin und bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Wenn ich bedenke, wie sehr mein Gehirn geschädigt wurde, ist es doch wunderbar, was ich lernen und erleben durfte. Ich freue mich, dass ich die anderen Menschen mit ihren Nöten wahrnehme. Ich verfüge über Empathie in hohem Maße. Wenn ich einmal erkennen muss, dass mein Leben zu Ende geht, werde ich hoffentlich sagen können: Alles war gut. Alles hatte einen Sinn, nicht nur für mich selber, sondern auch für die, denen ich wichtig wurde. Ich resümiere, was ich alles bewusst erlebt habe und welche Bedeutung ich für andere Personen hatte. Ich lernte, wenn auch mit allergrößter Anstrengung, meinen Körper zu bewegen. Ich erlebte eine lange Zeit ja nur die Rückenlage. Es dauerte lange, bis ich meinen Körper drehen konnte. Erste Glücksgefühle erinnere ich, als es mir gelang, mich am Bett hochzuziehen. Aber das Sitzen wollte nicht gelingen. Ich sackte kraftlos in mich zusammen. Ich weiß gar nicht genau, ob ich die ersten Glücksgefühle erlebte oder fantasierte. Als ich ungefähr drei Jahre alt war, schaffte ich es, zwei Schritte auf eine Wand zuzulaufen. Das könnte ein reales Glücksgefühl gewesen sein. Ich erinnere mich an die Musik von Bach, mit der meine Mutter das Zimmer beschallte, in wir Laufübungen machten. Als wir dann später am Straßenrand Übungen machten, blickten Leute vorwurfsvoll auf meine Mutter. Es sah so aus, als quäle sie mich, denn sie animierte mich zum Weitermachen, obwohl ich alle paar Meter in mich zusammensackte. Warum tat sie das? Warum gab sie nicht einfach auf und schonte mich? Und dann kamen wir nach langer Zeit zur Kinderärztin. Ich lief durch das Sprechzimmer und war glücklich über das begeisterte Gesicht der Ärztin. „Das hätte ich nicht erwartet“, bemerkte sie. Ich wuchs heran und fuhr mit Eltern und Brüdern nach Skandinavien. Wir schliefen in Zelten. Ich war glücklich. Es folgten viele Urlaubsfahrten, bei denen nicht immer alles glatt lief. Manchmal war ich überfordert und überforderte mit meinem Verhalten meine Eltern und Brüder. Im Nachhinein staune ich über den Schatz an Erinnerungen, den ich wie ein Gepäckstück stets bei mir trage. Die Gelegenheit zu bekommen, so viel zu sehen und zu erleben, bedeutet Glück.

27.10.2020

Ich schrieb regelmäßig Beiträge für den Gemeindebrief meiner Kirchengemeinde. Hier ein Beispiel:

Trau dich, so zu sein wie du bist. Die Überschrift wurde mir vorgegeben. Trau dich, so zu sein wie du bist. So ein Quatsch. Gott hat mich so geschaffen, wie ich bin. Was gibt es da zu trauen? Ich habe in 50 Jahren meines Lebens niemals gezweifelt, dass ich in Ordnung bin, wie ich geschaffen wurde. Gezweifelt hatten immer die anderen, die in mir ein verunglücktes Geschöpf Gottes sahen. Aber ich gehe in mich und gebe zu, dass ich auch schon mal behauptet habe, ich sei ein verunglücktes Geschöpf Gottes. Das ist aber schon lange her und war in einer Zeit, als mein Glaube schwach war. Heute bin ich selbstbewusst und weiß, was ich wert bin. Ich habe nämlich Gaben mitbekommen, die viele Menschen nicht haben. Ich kann meinen Verstand gebrauchen und habe ein Übermaß an Einfühlungs-vermögen. Ich kann Liebe schenken und Freundschaft gestalten. Ich erlebe sogar Freundschaft auf Augenhöhe. Bin ich deswegen mutig? Nein. Ich sehe meine Stärken als Geschenk an. Mit dem Geschenk möchte ich wuchern und davon abgeben, nehme also gern Geschenke an, wenn sie aufrichtig sind und mich nicht demütigen. Mitleidige Gesten machen mich zum unmündigen Kind. Ich kann gut unterscheiden, wer es gut mit mir meint. Eine aufgesetzte Freundlichkeit und Frömmigkeit lässt mich erstarren. Ich wirke dann so, wie man es von einem Autisten erwartet: auf mich selbst bezogen und in meinen geistigen Fähigkeiten eingeschränkt. Ich habe viele Demütigungen eingesteckt, dazu alle Demütigungen, die meine Mutter stellvertretend für alle Mütter von Autisten ertragen hat. Das ist die Wahrheit. Es ist die Wahrheit, die alle autistischen Menschen und ihre Mütter betrifft. Ich blicke auf das Kreuz, das in meinem Zimmer hängt. Mein Freund, Vater eines autistischen Adoptivsohnes, hat es für mich geschnitzt. Das Kreuz ist Symbol für unsere Freundschaft und für unseren Glauben an die heilende Kraft, die vom Kreuz ausgeht. Der Glaube an die heilende Kraft des Kreuzes hat nichts mit Mut zu tun, er ist ein Geschenk.

29.10.2020

 

Bei der Suche nach dem Sinn meines Lebens sind Gespräche mit anderen Personen hilfreich. Lange Zeit waren Gespräche nicht möglich, weil ich nicht verständlich sprechen konnte. Nun erlebe ich das Glück, dass mich außer meiner Mutter zwei außenstehende Personen verstehen können. Ich erlebe Freundschaft und einen vertraulichen Gedankenaustausch. Seit das möglich ist, ist mir klar, was ich in meinem bisherigen Leben versäumte. Die Gespräche in meinem Inneren waren Gespräche mit mir selbst. Es fehlte ein Kommunikationspartner. Wie soll jemand den Sinn seines Lebens entdecken, wenn keine Gespräche möglich sind? Meine Möglichkeiten, mich an Gesprächen zu beteiligen, sind immer noch gering, aber ich habe die Hoffnung, dass ich noch Fortschritte mache. Ich denke an die autistischen Menschen, die keine Lautsprache entwickeln konnten, und fordere die, die mit ihnen zu tun haben, auf: Sucht die Kommunikationsfähigkeit dieser Menschen zu fördern. Ich möchte denen helfen, die noch nicht erlebt haben, was ich erlebte. Ich möchte Mut machen. Ist das vielleicht der Sinn meines Lebens?

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